|
Irakischer Politiker besucht Berlin
"Die Lage ist tausendmal besser als vor zwei Jahren"
29.05.2008
Süddeutsche Zeitung
Bei seinem Deutschlandbesuch spricht der Schiitenführer Ammar
al-Hakim über den "neuen Irak" der Menschenrechte
und Demokratie. Und darüber, warum er trotzdem einen schnellen
Abzug der Amerikaner ablehnt.
Interview: Christiane Schlötzer und Tomas Avenarius
Sayed Ammar al-Hakim: "Wir wollen einen Rechtstaat aufbauen."
Foto: Thomas Koehler
Der 37-jährige Sayed Ammar al-Hakim ist der ranghöchste irakische
Politiker, der seit dem Kriegsbeginn 2003 Berlin besucht.
Er ist der Sohn des mächtigen Schiitenführers Abdel-Asis al-Hakim,
der die größte in Bagdad mitregierende Schiitenpartei ISCI
leitet. Da dieser schwer krank ist, dürfte seinem Sohn die
Führungsrolle in der Partei zufallen. Er ist bereits deren
Vizepräsident.
SZ: Sie haben in Berlin erstmals Vertreter der Bundesregierung
getroffen. Was erwarten Sie von Deutschland?
Hakim: Deutschland ist ein wichtiges europäisches Land, und
der Irak ist das pochende Herz der arabischen Welt. Der Irak
hat die größten Ölreserven der Erde, er ist eine alte Hochkultur
und hat eine strategische Lage im Nahen Osten. Die Chancen
und Möglichkeiten der Zusammenarbeit sind groß, sei es zur
Bekämpfung des Terrorismus oder bei wirtschaftlichen Fragen.
SZ: Aber das Kriegsland Irak ist ein schwieriger Partner.
Hakim: Der neue Irak, der Irak der Menschenrechte, der Demokratie,
der Frauenrechte ist mehr denn je ein Partner für Deutschland.
SZ: Sie sprechen vom neuen Irak der Menschenrechte, wir aber
wissen von Terror, Gewalt und Bürgerkrieg. Wie erklären Sie
diesen Widerspruch?
Hakim: Wir sind hier im neuen Berlin, das einmal geteilt
war. Würde hier auf dem Pariser Platz einer auch nur einen
Schuss abgeben, wären morgen die Zeitungen voll davon. Die
Medien suchen immer die Sensationen. Sie schreiben wenig über
soziale und politische Entwicklungen.
SZ: Beschönigen Sie nicht?
Hakim: Ich sage nicht, dass es ideal zugeht im Irak. Aber
ich sehe eine Entwicklung zum Positiven. Heute hören wir nicht
mehr, dass Schiiten Sunniten umbringen oder umgekehrt. Ich
war gerade in der Sunnitenprovinz Anbar, habe Stammesführer
und Scheichs und Gelehrte getroffen. Wir empfangen sunnitische
Würdenträger in Bagdad und im schiitischen Süden des Landes.
Die Lage bessert sich also. Heute ist die Lage in Basra besser
als vor zwei Monaten und tausendmal besser als vor zwei Jahren.
SZ: Wenn man Ihnen zuhört, könnten die Amerikanern ja morgen
abziehen?
Hakim: Wir bauen die irakische Armee und die Polizei entschlossen
auf. Sobald unsere Kräfte in der Lage sind, Frieden und Sicherheit
zu garantieren, können wir auf die Hilfe der internationalen
Truppen verzichten.
Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie Ammar al-Hakim über
dauerhafte amerikanische Militärstützpunkte im Irak denkt.
SZ: In wie vielen Jahren wird das sein?
Hakim: Bis heute können wir das Land nicht alleine stabilisieren.
Aber es gibt Kräfte im Irak, die wollen einen Zeitplan für
den Rückzug der Truppen festlegen. Andere, wie ich auch, setzen
auf den Aufbau und die Aufrüstung der irakischen Armee. Sobald
das Ziel erreicht ist, können die US-Soldaten nach Hause gehen.
SZ: Sie wollen kein Datum nennen?
Hakim: Ich könnte sagen, die Amerikaner sollen in fünf Jahre
weg sein. Aber was ist, wenn wir das Land schon in zwei Jahren
im Griff haben? Warum sollten die Ausländer dann länger bleiben?
Umgekehrt gilt, wenn sie zu früh gehen, könnte der Irak in
sich zusammenfallen.
SZ: Was sind die Amerikaner für Sie? Besatzer oder Partner?
Hakim: Wir wollen gute Beziehungen zu den USA. Wir hoffen
aber, dass die irakischen Sicherheitskräfte bald so stark
sein werden, dass unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten
nicht mehr diese militärische Färbung haben.
SZ: Amerika aber will im Irak auf Dauer Militärstützpunkte
haben. Wollen Sie das auch?
Hakim: Wir verhandeln über ein Sicherheitsabkommen. Basen
sind nicht unbedingt ein Wunsch der irakischen Regierung.
Wir haben für ein Abkommen auch Bedingungen gestellt. Es muss
die irakische Souveränität achten, es darf kein Geheimabkommen
sein, das irakische Parlament soll darüber abstimmen, es darf
keine Feindschaft zu einem anderen Land auslösen. Der Irak
soll Basis der Freundschaft zwischen den Völkern sein, nicht
zukünftiger Kriege.
SZ: Die Amerikaner wollen auch die Sunniten an der Macht
beteiligen, deshalb finanzieren sie deren Milizen. Ist das
friedensfördernd?
Hakim: Diese Frage müssen Sie den Amerikanern stellen. Wir
wollen einen Rechtsstaat aufbauen, wo das Gewaltmonopol beim
Staat liegt.
SZ: Angeblich steht die Badr-Miliz hinter den Todesschwadronen,
die die Sunniten verfolgt haben.
Hakim: Lassen wir die Presseberichte über angebliche Massaker
beiseite und bleiben wir bei dem, was die irakische Regierung
und die multinationalen Kräfte gesagt haben. Keiner hatte
Belege, dass es diese Schwadrone wirklich gab. Wir bemühen
uns, die Gewalt zu stoppen. Wir wollen die Rechte der Schiiten
schützen im Irak. Das geht nur, wenn wir auch die Rechte der
Sunniten und der Kurden bewahren.
Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie der Schiitenführer
zu einer Säkularisierung seines Staates steht und ob er sich
eines Tages eine Frau als Präsidentin des Iraks vorstellen
kann.
SZ: Die Christen erwähnen Sie nicht. Auch sie werden verfolgt.
Hakim: Der Terror hat alle getroffen. Das Leiden unserer
christlichen Brüder bestürzt uns. Wir haben die besten Beziehungen
zu allen christlichen Kirchen im Irak, und die Christen sind
wieder sicherer als vor einiger Zeit.
SZ: Der Irak war mal ein säkulares Land. Sie galten zumindest
früher als Anhänger einer Islamischen Republik.
Hakim: Das irakische Volk ist religiös, aber wenn wir einen
islamischen Staat gewollt hätten, dann hätten wir dies ausdrücklich
in der neuen Verfassung verankert. Wir haben es nicht getan.
Wir haben aber im Grundgesetz hinzugefügt, dass unsere Gesetze
dem Islam nicht widersprechen dürfen. Auf der anderen Seite
kann jeder im Irak die Partei wählen, die ihm gefällt, und
wenn es eine Mehrheit dafür gibt, dass der Irak wieder voll
und ganz säkular regiert wird, warum nicht?
SZ: Dennoch bauen Sie derzeit ein System islamischer Schulen
auf. Wollen Sie den Irak weiter islamisieren?
Hakim: Für eine Islamisierung gibt es keinen Bedarf, der
Irak ist schon islamisch. Aber wir haben ein gewisses Vakuum
in der Gesellschaft, das müssen wir füllen. Die von mir geführte
Al-Hakim-Stiftung hat soziale und erzieherische Aufgaben.
Wir haben auch religiöse Schulen. Aber das gibt es überall,
auch in Deutschland.
SZ: Wenn kein Gesetz im Widerspruch zum islamischen Recht
der Scharia stehen soll, was bedeutet das für die Frauen?
Hakim: 40 Prozent der Parlamentarier sind heute im Irak Frauen,
das ist mehr als in allen umliegenden Ländern, und es ist
die höchste Quote weltweit.
SZ: Können Sie sich vorstellen, dass eine Frau Präsidentin
des Irak wird?
Hakim: Warum nicht, es spricht nichts dagegen, die irakischen
Frauen wären bestimmt dazu in der Lage.
SZ: Ihre Organisation wurde einst in Iran gegründet, wird
der Irak immer besondere Beziehungen zu Iran haben?
Hakim: Iran ist unser Nachbar, und wir haben 1400 Kilometer
gemeinsame Grenze. Auf der Basis unserer nationalen Interessen
können wir kooperieren. Wir arbeiten aber auch ernsthaft an
guten Beziehungen mit den arabischen Nachbarn.
Auf der nächsten Seite lesen Sie über die Haltung des Irak
zum Atomprogramm Irans und die Beziehungen zu Israel.
SZ: Sie fordern ein stärkeres Engagement arabischer Staaten
im Irak?
Hakim: Die Zurückhaltung der Araber, sich im Irak zu engagieren,
fördert den Eindruck, dass Irans Einfluss wächst. Das stimmt
so nicht. Was aber fehlt, ist ein arabische Gegengewicht.
SZ: Iran hat wegen seines Atomprogramms Streit mit der internationalen
Gemeinschaft. Besorgt Sie das?
Hakim: Der Streit zwischen den USA und Iran wird teilweise
im Irak ausgetragen, und der Irak zahlt den Preis dafür. Wir
haben uns sehr früh um einen Dialog zwischen Washington und
Teheran bemüht. Noch mehr Streit würde sich negativ auf uns
auswirken.
SZ: Konkret: Darf Iran ein eigenes Atomprogramm haben?
Hakim: Ja, wenn es zivilen Zwecken dient und die internationalen
Vereinbarungen achtet. Wenn es aber nicht friedlich ist und
internationale Abkommen verletzt, sind wir dagegen.
SZ: Es gibt noch ein wichtiges Land in der Region: Können
Sie sich vorstellen, dass der Irak eines Tages normale Beziehungen
mit Israel hat?
Hakim: Das palästinensische Volk ist ein arabisches und ein
islamisches Volk. Wir stehen an seiner Seite. Ich glaube nicht,
dass es möglich ist, Beziehungen zu Israel aufzubauen, so
lange die Palästinenser leiden.
SZ: Sie treten für einen föderalen Irak ein und wollen die
neun schiitischen Provinzen im Süden zu einer schiitischen
Superregion machen. Warum?
Hakim: Nach dem Grundgesetz des Irak können die Provinzen
Regionen bilden. Wir haben gemerkt, dass gemeinsame Probleme
- aber auch Kultur und Zukunftsvisionen - verbinden.
SZ: Aber was hält den einheitlichen Staat Irak dann noch
zusammen?
Hakim: Die Menschen sollen selbst entscheiden, ob sie unseren
Vorschlag annehmen. Er soll die Regionen nicht nach Konfessionen
bilden, sondern nach gemeinsamen Interessen. Wir Schiiten
bemühen uns am meisten um die Einheit des Irak. In der Regel
streben Mehrheiten nicht nach Abspaltung, Mehrheiten sind
nie separatistisch, eher die Minderheiten.
SZ: Auch zwischen den Schiiten herrscht derzeit Krieg. Was
trennt ihre Partei von der des Predigers Muktada al-Sadr?
Hakim: Es ist kein Kampf zwischen zwei Parteien. Es geht
es um Rechtsstaatlichkeit. Es gibt kein souveränes Land, das
akzeptiert, dass militante Gruppen eigene Gerichte haben oder
sogar Zoll kassieren und bestimmte Lebensformen mit Gewalt
durchsetzen. Zum Beispiel, dass Frauen Kopftücher tragen sollen.
Sayed Ammar al-Hakim entstammt einer berühmten schiitischen
Theologenfamilie. Die Hakims standen in Opposition zu Saddam
Hussein, viele ihrer Mitglieder wurden ermordet. 1979 floh
die Familie ins iranische Exil. ISCI steht für "Islamischer
Oberster Rat des Irak" - und ist ursprünglich ein iranisches
Gewächs: Die Organisation diente einst Ayatollah Khomeini
als Waffe gegen Saddam. Ammar al-Hakim beschreibt seine Partei
heute als rein irakische Kraft: klar islamisch orientiert,
aber für einen demokratischen Staat. Nach Berlin lud ihn die
politisch unabhängige Körber-Stiftung ein. Er traf Vertreter
aus dem Bundestag, dem Kanzleramt, dem Außen- und dem Innenministerium
sowie der Evangelischen Kirche.
|