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Ist der Islam eine Alternative oder eine
Flucht ?
Faleh Al Saadi
Die politischen Bewegungen und die totalitären Regierungen
in den arabischen Ländern haben versagt. Sie sind nicht in
der Lage, Lösungen für die Probleme der Menschen anzubieten.
Weder die sozialen Missstände noch der Umgang mit Israel wurden
auch nur annährend geklärt.
Die Regierungen sind vielmehr damit beschäftigt, ihre Macht
mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie betrachten die Ländern
in denen sie regieren und alles was sich darauf befindet als
ihr Eigentum. Dazu zählen auch die Einwohner. Mit diesem Eigentum
machen sie, was sie wollen. Vorwürfe internationaler Organisationen
wegen Menschenrechtverletzungen gelten als Einmischung in
„innern Angelegenheiten“. „In diese darf sich niemand einmischen!“.
Man darf sich nicht von den Leuchtreklamen Dubais verblenden
lassen. Es ist wahr, dass die arabischen Ländern über ein
großes kulturelles Erbe und enormes Reichtum verfügen. Sie
gelten trotzdem nach heutigem Standard als unterentwickelt.
Armut und Arbeitslosigkeit breiten sich aus. Ihr Schul- und
Hochschulwesen gehören weltweit zu den schlechtesten. Hoffnung
auf Verbesserung ist nicht in Sicht.
Für die arabischen Massen ist der Konflikt mit
Israel von zentraler Bedeutung. Ihren Regierungen werfen Sie
vor, gegen Israel zu versagen. Die Niederlagen in fünf Kriegen
und die Hilflosigkeit drücken schwer auf ihre Würde.
Die Not der Menschen in den arabischen Ländern
ist groß und so flüchten sie zur Religion.
Ob der Islam geeignet oder nicht geeignet ist zur Lösung der
Probleme, fragt man sich nicht mehr. Er ist die einzige Rettung,
die für sie sichtbar ist.
Armut, Demütigung, Hilflosigkeit und Unterdrückung sind Gründe
genug, um jede Lösung willkommnen zu heißen. Die Menschen
flüchten zum Islam nicht immer aus Überzeugung, sondern oft
aus Verzweiflung.
Der Islam als eine mögliche politische Alternative
wurde erst nach der islamischen Revolution im Iran deutlich
sichtbar. Im Gegenteil zu den säkularen Bewegungen konnten
sich die islamischen Bewegungen im Schutze der Moscheen und
Madrasen (islamischen Theologieschulen) organisieren. Sie
gewannen an Akzeptanz, als sie anfingen, eine Antwort auf
die Probleme der Menschen zu geben. Das Vertauen der Massen
haben sie nicht durch leeren Versprechungen, Beten und Predigen
gewonnen. Soziale Projekte wurden von ihnen ins Leben gerufen,
die die Menschen bei ihren alltäglichen Nöten und Problemen
helfen. (Karitativen Einrichtungen, in denen in erster Linie
die ärmeren Schichten Unterstützung finden, sozialen Dienste,
Infrastrukturprojekte, Schulen, Krankenhäuser, ...)
So geschehen in Algerien die radikalen Bewegungen „FIS“ (die
islamische Heilsfront,), Palästina „Hamas“ und im Libanon
„Hisbollah“.
In der zentralen Auseinandersetzung der Araber
mit Israel bedienten die islamischen Bewegungen die Bedürfnisse
der breiten Masse. die terroristischen Bewegungen Hisbollah
und Hamas waren die einzigen, die Israel die Stirn boten und
den Israelis das Fürchten lehrten. Diese Haltung brachte ihnen
große Sympathien bei den gedemütigten Bevölkerungen.
Das Misstrauen der Araber gegenüber dem Westens
ist nicht unbedingt unbegründet. Seit der ersten Begegnung
in der neuen Geschichte Anfang der letzten Jahrhundert haben
die Araber fast immer nur Enttäuschungen erlebt. Ein Beispiel
ist das Versprechen der Franzosen und der Engländer im ersten
Weltkrieg, das sie nicht gehalten haben. Sie versprachen den
Arabern die Unabhängigkeit, wenn sie gegen die osmanische
Herrschaft mit ihnen kämpften. Was sie auch machten. Im geheimen
Sykes-Picot-Abkommen 1916 hatten sich Franzosen
und Engländer schon im voraus auf die Aufteilung der arabischen
Welt geeignet.
Die Arroganz mancher amerikanischen und europäischen
Politikern ist ein großer Segen für die islamischen Fundamentalisten.
Oft werden alle islamischen Bewegungen, als Islamisten gebrandmarkt,
in einen Topf geworfen und gleichermaßen verdammt. Dies trägt
zu ihrer Radikalisierung bei und stärkt die Terroristen unter
ihnen.
Wenn sie z.B. Hisbollah aus Libanon als terroristische
Organisation einstufen, um Israel zufrieden zu stellen, verlieren
sie ihre Glaubwürdigkeit den Araber und den Muslimen gegenüber.
Hisbollah führt in den Augen der Araber einen Krieg gegen
Israel, um einen besetzten Teil Libanons zu befreien.
Der Aufstieg der Terrororganisation Hamas zur wichtigsten
politischen Bewegung in Palästina passierte nicht von heute
auf morgen. Jeder politische Beobachter wusste, wie korrupt
die Regierung Yasser Arafats war. Dagegen zu steuern lag in
den Händen der EU und der USA, z.B. stärken der liberalen
Kräfte in der PLO. Sie haben versagt und das müssen sie sich
gestehen. Sie können jetzt nicht die Palästinenser dafür bestrafen,
dass sie Hamas wählten.
Die islamischen Bewegungen sind ein wichtiges Teil
der islamischen Welt geworden, mit der der Westen leben und
umgehen lernen müssen. Eine Differenzierung vorzunehmen, ist
mühsam aber nicht vermeidbar. Arabische und islamische Experten,
die das sagen, was der Westen gerne hören möchte, sollte man
lieber vermeiden. Sie sind im wahren Sinne des Wortes irreführend.
Der Westen möchte wissen, dass die Menschen in den arabischen
Ländern mehr unter dem islamischen Radikalismus leiden, als
die Menschen in der westlichen Welt. Sie haben deshalb mehr
Interesse an seiner Beseitigung.
Die Radikalisierung im Islam ist eine Strömung,
eine ideologische Strömung. Ich glaube nicht, dass sie militärisch
besiegbar ist. Sie baut auf eine jahrelange Unterentwicklung
in allen Bereichen, vor allem in den politischen und sozialen
Ausbildung der Menschen in den arabischen Ländern. Nur durch
Aufklärung und das Besinnen auf den echten gewaltlosen Islam
macht einen Sieg über sie möglich. Je länger die Araber damit
warten, desto schlimmer werden die Konsequenten für sie. Sie
werden dadurch in ihrer Entwicklung von Jahr zu Jahr immer
weiter zurückgeworfen. Die radikalen islamischen Bewegungen
stellen eine große Gefahr für den Islam und für die Entwicklung
der arabischen Ländern.
Der Westen sollte die fortschrittlichen Oppositionsbewegungen
und Initiativen in den arabischen Ländern suchen, in Dialog
mit ihnen treten und bei ihrer Bemühungen für liberale und
demokratische Werte unterstützen.
Er sollte die arabischen Herrscher für die sofortige, echte
Öffnung und mehr Demokratie ermutigen.
Die arabische Welt braucht Frieden, Sicherheit
und Stabilität. Sie sind die Grundlage für eine positive Entwicklung
im Interesse der Massen und die Mindestvoraussetzungen für
eine bessere arabische Welt. Eine Welt, die frei von Radikalismus
und Terrorismus ist. Es sollte den Menschen klar gemacht werden,
dass genau dies die Radikalen und die Terroristen nicht wollen.
Sykes-Picot-Abkommen
Das Sykes-Picot-Abkommen vom 16. Mai 1916 war eine
geheime Übereinkunft zwischen den Regierungen Englands und
Frankreichs durch die ihre Einflusssphären im Mittleren Osten
nach dem Ersten Weltkrieg festlegt wurden.
Das Abkommen wurde im November 1915 von dem französischen
Diplomaten Georges Picot und dem Engländer Mark Sykes ausgehandelt.
Picot war der bei weitem erfahrenere und verstand es weitaus
mehr als erwartet für Frankreich herauszuholen.
England wurde die Herrschaft über ein Gebiet zuerkannt,
das in etwa dem heutigen Jordanien dem Irak und dem Gebiet
um Haifa entspricht. Frankreich sollte die Herrschaft über
die Südost- Türkei den Nordirak Syrien und den Libanon ausüben.
Jedes Land sollte die Staatsgrenzen innerhalb seiner Einflusszone
frei bestimmen dürfen.
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